Schreibübungen

Danke an Diana Radovan für ihren tollen Schreibkurs!

 

 

Ich sitze also im Keller, die schwere Eisentür ist zu, ich höre die Sirene wieder und wieder und fürchte mich zu Tode. Wie lange geht das schon, wie lange wird es noch gehen? Die Einschläge kommen näher, die Wand zittert wieder und wieder - da - es ist ganz nah - der Donner - ich bin schon taub - jetzt ist der Schlag da, es ist so weit, wir werden alle sterben - ich schreie - die Wände wackeln wieder, die Einschläge, kommen noch welche? Irgendwann ist es vorbei. Irgenwann verstummt die Sirene. Es ist einfach still. Ich kann nicht glauben, wir leben alle noch. Mein Mann öffnet die schwere Eisentüre und ich blicke in den nackten Himmel. Wir wurden getroffen, das Haus ist weg.

Ich liege auf dem Tisch. Man kann mich drücken. Ich habe keine Empfindungen, Ich liege hier so rum. Früher war ich in der Tiefe der Erde. Männer haben mich aus dem Sand gezogen, in riesige Tanks von Schiffen gefüllt, ich ging durch Raffinereien, wurde verestert und umgeestert, ich kam in Spritzgußformen und wurde fest. Wer hat mich zusammengeschraubt, und wi? Jetzt ist es dämmrig, ich liege hier. Ich kann eine Stütze sein, eine Gedankenstütze, eine Klammer oder auch eine Waffe. Das aber nur ganz selten. Meist liege ich hier. Manchmal werde ich benutzt. Die hand führt mich und ich befreie die Gedanken des Schreibers. Wie gesagt, das passiert aber nur selten. Und so warte ich auf den Tag, an dem doch etwas geschieht, großes geschieht.

Mein ganzes Leben habe ich auf diesen Moment gewaret: heute heirate ich Derek! Ich dusche, obwohl das Wasser knapp ist, ich kämme meine Haare, isch schminke mich und ziehe das schöne weiße Kleid über, das meine Mutter extra für mich organisiert hat.

 

Derek ist im Nebenzimmer. Er hat heute morgen ebenfalls geduscht, dann ging er kurz fort, um noch etwas zu erledigen. Seit er zurück gekommen ist, zieht er sich ebenfalls um: die schwarze Hose, das weiße Hemd, die Kravatte, alles hat seine Mutter gebracht.

 

Zwischendrin telefoniert er mit seinen Freunden, sie kamen vorbei, um mit ihm zu sprechen. Die Gewehre stellen sie in unserem Flur ab.

 

Meine Freundinnen sind nicht da. Ich habe auch kaum welche. Sura und Tamila sind gegangen, Agata ist tot. Ich habe das Leben, und ich habe Derek.

 

Kurz denke ich an Pascal. Wie es ihm wohl geht? Wir hatten eine kurze Affäre von drei Wochen in den Ferien, vor dem Krieg. Er machte Urlaub bei uns. Seine schüchterne Art ging mir auf den Geist, und so habe ich ihn schnell vergessen. Doch seit dem Krieg frage ich mich schon, was wohl aus ihm geworden ist. Schließlich gehört er jetzt zu unseren Feinden.

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© Marie-Luise Meinhold