Schreibübungen

Danke an Diana Radovan, John Oleani und Sarah Halliday für ihren tollen Schreibkurs!

 

 

Ich schnelle hoch. „Die Gestapo?“ denke ich. Doch nein, das kann nicht sein. Es ist das Jahr 1970, ich bin in München, und morgen treffe ich mich mit …. mit wem noch mal? Ach ja, dem Organisationskommittee der Olympischen Spiele. Es klopft noch mal. Ich erwarte niemanden. Also mache ich auch nicht auf. Soll ich die Rezeption anrufen? Ja, die Rezeption. Ich wähle die 9, es klingelt.

„Vor meiner Tür steht jemand und klopft, könnten Sie bitte jemanden hochschicken?“

„Natürlich, gleich.“

„Danke!“

Ich lasse mich zurück ins Kissen fallen. Nach 5 endlosen Minuten höre ich Schritte. Es klopft schon wieder an meiner Tür.

„Hallo? Sie haben angerufen? Hier ist sonst niemand. Sie können beruhigt schlafen.“

Ich antworte nicht.

„Ich gehe wieder runter und rufe Sie von unten an.“

Die Schritte verschwinden. Es ist alles ruhig. Nach weiteren 5 Minuten klingelt das Telefon. Ich richte mich auf.

„Hallo?“

„Da war niemand. Sie können beruhigt sein.“

„Danke, dass Sie das überprüft haben,“ sage ich und lege auf.

Ich bin naß geschwitzt. Das liegt nicht nur an der dicken Daunendecke auf der durchgelegenen Matratze. Noch einmal sehe ich die Szene vor meinem geistigen Auge: Die roten fettigen Lampenschirme. Der Geruch von Fischsauce. Der Mann, groß, dunkel Haare, mit seinem wettergegerbten Gesicht. Die Frau mit ihren langen, lockigen Haaren, den großen Augenbraunen, den großen goldenen Ohrringen und ihren Kompagnon, den glatzköpfigen Zwerg. Ob sie das waren, die geklopft haben? Ihre durchdringenden und gleichzeitig teilnahmslosen Blicke.

Ich drehe mich zur Seite und ziehe die Schublade des Nachttischs auf. Holzimitat. Die .15mm liegt in ihrem Schaft am Gürtel. Wie es sein soll. Schublade schließen. Aufstehen. Ins Bad. Wasser trinken. Klo spülen. Zurück ins Bett. Es war nichts. Ausatmen. Morgen das Gespräch. Licht aus.

Ich sitze also im Keller, die schwere Eisentür ist zu, ich höre die Sirene wieder und wieder und fürchte mich zu Tode. Wie lange geht das schon, wie lange wird es noch gehen? Die Einschläge kommen näher, die Wand zittert wieder und wieder - da - es ist ganz nah - der Donner - ich bin schon taub - jetzt ist der Schlag da, es ist so weit, wir werden alle sterben - ich schreie - die Wände wackeln wieder, die Einschläge, kommen noch welche? Irgendwann ist es vorbei. Irgenwann verstummt die Sirene. Es ist einfach still. Ich kann nicht glauben, wir leben alle noch. Mein Mann öffnet die schwere Eisentüre und ich blicke in den nackten Himmel. Wir wurden getroffen, das Haus ist weg.

Ich liege auf dem Tisch. Man kann mich drücken. Ich habe keine Empfindungen, Ich liege hier so rum. Früher war ich in der Tiefe der Erde. Männer haben mich aus dem Sand gezogen, in riesige Tanks von Schiffen gefüllt, ich ging durch Raffinereien, wurde verestert und umgeestert, ich kam in Spritzgußformen und wurde fest. Wer hat mich zusammengeschraubt, und wi? Jetzt ist es dämmrig, ich liege hier. Ich kann eine Stütze sein, eine Gedankenstütze, eine Klammer oder auch eine Waffe. Das aber nur ganz selten. Meist liege ich hier. Manchmal werde ich benutzt. Die hand führt mich und ich befreie die Gedanken des Schreibers. Wie gesagt, das passiert aber nur selten. Und so warte ich auf den Tag, an dem doch etwas geschieht, großes geschieht.

Mein ganzes Leben habe ich auf diesen Moment gewaret: heute heirate ich Derek! Ich dusche, obwohl das Wasser knapp ist, ich kämme meine Haare, isch schminke mich und ziehe das schöne weiße Kleid über, das meine Mutter extra für mich organisiert hat.

 

Derek ist im Nebenzimmer. Er hat heute morgen ebenfalls geduscht, dann ging er kurz fort, um noch etwas zu erledigen. Seit er zurück gekommen ist, zieht er sich ebenfalls um: die schwarze Hose, das weiße Hemd, die Kravatte, alles hat seine Mutter gebracht.

 

Zwischendrin telefoniert er mit seinen Freunden, sie kamen vorbei, um mit ihm zu sprechen. Die Gewehre stellen sie in unserem Flur ab.

 

Meine Freundinnen sind nicht da. Ich habe auch kaum welche. Sura und Tamila sind gegangen, Agata ist tot. Ich habe das Leben, und ich habe Derek.

 

Kurz denke ich an Pascal. Wie es ihm wohl geht? Wir hatten eine kurze Affäre von drei Wochen in den Ferien, vor dem Krieg. Er machte Urlaub bei uns. Seine schüchterne Art ging mir auf den Geist, und so habe ich ihn schnell vergessen. Doch seit dem Krieg frage ich mich schon, was wohl aus ihm geworden ist. Schließlich gehört er jetzt zu unseren Feinden.

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© Marie-Luise Meinhold